Kärntens Wirtschaft unter Druck: Wie die Teuerung Betriebe in die Zange nimmt

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Written by Karl Reichert

18. April 2026

Kärntens Wirtschaft im Krisenmodus: Wenn steigende Kosten auf sinkende Umsätze treffen

Kärntens Gewerbe- und Handwerksbetriebe stehen unter erheblichem Druck. Während Einnahmen stagnieren oder zurückgehen, steigen die Kosten unaufhörlich weiter. Der aktuelle Bericht der KMU Forschung Austria deutet zwar erste Anzeichen einer Stabilisierung an, doch von einer nachhaltigen Erholung kann keine Rede sein. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 375 Firmeninsolvenzen im Jahr 2025, im ersten Quartal 2026 bereits 127 weitere Fälle – ein Plus von 41 Prozent.

Die wirtschaftliche Lage in Kärnten

Die wirtschaftliche Situation in Kärnten hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert. Peter Storfer, Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Kärnten, beschreibt die Lage als „extrem angespannt“. Die Kombination aus sinkenden Umsätzen, steigenden Kosten und einer schwachen Nachfrage bringt immer mehr Betriebe in Bedrängnis.

Der Start ins Jahr 2026 brachte keine wesentliche Entspannung. Nur 13 Prozent der Betriebe beurteilen ihre Lage als gut, während 30 Prozent eine schlechte Geschäftssituation melden. Diese Stimmung spiegelt sich in allen Bereichen der Wirtschaft wider – vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum größeren Gewerbebetrieb. Besonders bitter: Kärnten schneidet im Bundesländervergleich schlechter ab als der österreichische Durchschnitt.

Die Auftragseingänge und Umsätze in Kärnten sind im Jahresvergleich um 4,2 Prozent gesunken – österreichweit waren es 3,7 Prozent. Bei den Erwartungen für das erste Quartal 2025 war Kärnten mit einem Saldo von minus 26 Prozentpunkten deutlich pessimistischer als der Rest Österreichs mit minus 19 Prozentpunkten.

Umsatzrückgänge im Gewerbe und Handwerk

Das Jahr 2025 war für Kärntens rund 20.000 Gewerbe- und Handwerksbetriebe das sechste Jahr in Folge mit einem realen Rückgang der Geschäftstätigkeit. Der nominelle Umsatz sank um 1,7 Prozent, real – also preisbereinigt – sogar um 4,3 Prozent. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass die Kaufkraft der Konsumenten sinkt und die Nachfrage nach handwerklichen Dienstleistungen und Produkten zurückgeht.

Im Detail verzeichneten 37 Prozent der Betriebe gegenüber dem Jahr 2024 Umsatzrückgänge um durchschnittlich 12,6 Prozent. Das ist ein erheblicher Verlust, der viele Unternehmen in eine schwierige finanzielle Situation bringt. Die Verkaufspreise wurden zwar um durchschnittlich 2,8 Prozent erhöht, lagen jedoch deutlich unter der Inflationsrate von 3,6 Prozent in Österreich. Das bedeutet: Die Betriebe können ihre Kosten nicht vollständig an die Kunden weitergeben. Ihre Margen schrumpfen, während die Ausgaben steigen.

„Viele arbeiten unter massivem Druck. Die Kosten steigen, während die reale Nachfrage schwach bleibt – das geht direkt auf die Substanz der Unternehmen“, erklärt Storfer. Die Preissteigerungen des Gewerbes fungierten 2025 als „Preisdämpfer“ – mit nur 2,4 Prozent Plus lagen sie weit unter dem Verbraucherpreisindex. Diese Zurückhaltung bei Preiserhöhungen geht zulasten der wirtschaftlichen Substanz der Betriebe.

Besonders betroffen sind Betriebe, die auf eine Vielzahl kleinerer Aufträge angewiesen sind. Sobald Konsumenten ihre Ausgaben reduzieren, wirkt sich das unmittelbar auf diese Unternehmen aus. Aber auch größere Gewerbebetriebe spüren zunehmend die Folgen: Bestehende Projekte sichern zwar noch kurzfristig die Auslastung, doch neue Aufträge werden seltener vergeben.

Ein zentrales Problem liegt in der begrenzten Preissetzungsmacht der Betriebe. Viele können die gestiegenen Kosten für Personal, Energie und Materialien nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben. Die Folge: sinkende Margen und wachsender finanzieller Druck. Viele Betriebe arbeiten mittlerweile an der Grenze ihrer Belastbarkeit oder sogar im Verlustbereich.

Rekordpleiten in allen Branchen

Die Insolvenzentwicklung in Kärnten erreicht alarmierende Ausmaße. 2025 wurden insgesamt 375 Firmeninsolvenzen verzeichnet – das dritte Rekordpleitenjahr in Folge. Seit 2021 hat sich die Zahl um rund 144 Prozent erhöht.

Besonders dramatisch entwickelt sich das erste Quartal 2026. Seit Jahresbeginn wurden bereits 127 Firmeninsolvenzen registriert – ein Anstieg von 41,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (90 Fälle). Kärnten weist damit österreichweit den zweithöchsten Anstieg auf, nur Vorarlberg liegt mit 56,1 Prozent noch darüber.

Die Gesamtverbindlichkeiten beliefen sich im Q1 2026 auf 46,9 Millionen Euro. 173 Dienstnehmer waren von den Insolvenzen betroffen und verloren ihren Arbeitsplatz oder mussten zumindest um ihn bangen. Ein alarmierendes Detail: Die mangels Masse abgewiesenen Konkurse haben sich nahezu verdoppelt – von 33 im Q1 2025 auf 63 im Q1 2026. Das bedeutet, dass viele Betriebe nicht einmal mehr die Verfahrenskosten von rund 4.000 Euro aufbringen können.

Branche Entwicklung 2025/2026
Baubranche Verdoppelung der Insolvenzen im Q1 2026
Gastronomie/Beherbergung Von 12 auf 20 Fälle (+67%)
Handel 63 Insolvenzen 2025, weiter hoch
Immobilien Verdoppelung 2025

Die Baubranche führt die traurige Statistik an – die Insolvenzen haben sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdoppelt. Die Gründe: hohe Materialkosten, zurückhaltende Auftraggeber und erschwerte Kreditvergaben für Bauvorhaben. Die Gastronomie- und Beherbergungsbranche folgt mit einer Verdoppelung von zwölf auf 20 Fälle im Q1 2026. Steigende Personalkosten, hohe Energieausgaben und die Konsumzurückhaltung der Gäste setzen die Betriebe unter enormen Druck.

Der Friseur- und Perückenmacherbetrieb W.U.SCH in Spittal an der Drau ist ein Beispiel für die Krise. Das 2023 gegründete Unternehmen meldete Insolvenz mit 114.000 Euro Überschuldung an. 26 Gläubiger sowie acht Mitarbeiter in Kärnten und vier in Oberösterreich waren betroffen. Die größte Insolvenz 2025 war Hermes Schleifmittel in Bad St. Leonhard mit 34 Millionen Euro Verbindlichkeiten.

Der Tourismus als Hoffnungsschimmer

Während die meisten Branchen leiden, könnte der Tourismus von den aktuellen Entwicklungen profitieren. Der Iran-Krieg verändert das Buchungsverhalten der Urlauber. Unsicherheit bewirkt Nachfrageverschiebungen hin zu als sicherer geltenden Reisezielen. Urlaubsziele, die nicht allzu weit von der Heimat entfernt liegen, rücken in den Fokus.

„Das Nahreiseverhalten ist uneingeschränkt attraktiv. Das ist für Kärnten eine Chance“, sagt Klaus Ehrenbrandtner, Chef der Kärnten Werbung. Kärnten punktet, weil 98 Prozent der Kärnten-Urlauber bodengebunden anreisen. Die Vorausbuchungen für den Sommer 2026 sind laut Ehrenbrandtner quer durch alle Kärntner Regionen mindestens auf Vorjahresniveau oder darüber.

Peter Peschel, Geschäftsführer der Region Wörthersee-Rosental, bestätigt: „Wir sehen eine verstärkte Nachfrage.“ Robert Karlhofer von der Region Klopeiner See ergänzt: „Wir sind gut ins Jahr und in den Frühling gestartet und daher auch sehr zuversichtlich für den Sommer 2026. Es schaut sehr gut aus.“

Hotelier Hubert Koller vom Kollers in Seeboden bringt es auf den Punkt: „Die Tatsache, dass Kärnten kaum internationale Gäste hat, ist sonst ein Nachteil, heuer aber ein Vorteil für uns.“ Anders als Wien oder Salzburg, die stark von arabischen und asiatischen Gästen abhängen und nun Stornos verzeichnen, bleibt Kärnten von diesen Ausfällen weitgehend verschont.

Auswirkungen des Iran-Kriegs

Der Iran-Krieg hat auch für Österreich und Kärnten direkte Folgen. Die steigenden Energiepreise belasten die Betriebe zusätzlich. Auch wenn die Spritpreise zuletzt um einige Cent gesunken sind, bleibt das Preisniveau hoch. Experten warnen, dass eine rasche Entlastung nicht in Sicht ist.

„Eine verlässliche Prognose ist derzeit kaum möglich. Die Lage ist zu volatil und hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Michael Scherzer von der Wirtschaftskammer. Die aktuellen Preise spiegeln nicht die momentane Lage wider, sondern basieren auf früheren Einkäufen. „Öl wird immer in die Zukunft hinein gekauft. Das heißt, die Preise, die wir jetzt sehen, wurden bereits vor Wochen festgelegt.“

Für Autofahrer bedeutet das: Wer jährlich rund 15.000 Kilometer fährt und im Schnitt sieben Liter pro 100 Kilometer verbraucht, kommt auf etwa 1.050 Liter Treibstoff pro Jahr. Bei einem Preisanstieg von rund 50 Cent pro Liter ergibt das eine Mehrbelastung von 500 bis 550 Euro jährlich.

Die steigenden Energiepreise und die zu erwartende höhere Inflation bereiten auch den Beherbergungsbetrieben Sorge. „Das wird die nächste Teuerungswelle, die ankommt“, befürchten Tourismusvertreter. Die Betriebe können diese Kosten nur schwer weitergeben, ohne Gäste zu verlieren.

Ausblick 2026: Wenig Grund für Optimismus

Die Aussichten für das laufende Jahr bleiben pessimistisch. Der Ausblick auf das erste Quartal 2026 fällt laut KMU Forschung Austria „unterkühlt“ aus. Nur 15 Prozent der Betriebe erwarten Steigerungen ihrer Aufträge oder Umsätze, während 27 Prozent weitere Rückgänge befürchten. Der negative Saldo liegt bei minus 12 Prozentpunkten.

Die Erwartungshaltung in den investitionsgüternahen Branchen, die überwiegend vom Baubereich abhängig sind, fällt mit einem Saldo von minus 14 Prozentpunkten deutlich negativer aus als in den konsumnahen Branchen (minus 6 Prozentpunkte). „Die Erwartungen zeigen eine geringe Dynamik und sind weiterhin im negativen Bereich“, sagt Christina Enichlmair von KMU Forschung Austria. „Ein nachhaltiger Aufwärtstrend ist derzeit noch nicht in Sicht.“

Der AKV rechnet für Kärnten weiterhin mit einer anhaltenden Zunahme der Firmeninsolvenzen. „Die hohen Insolvenzzahlen sind Ausdruck der schwachen Konjunktur der letzten drei Jahre. Viele Unternehmen sind klein- und mittelständisch geprägt und leiden massiv unter den gestiegenen Kosten, zudem verfügen diese beinahe über keine finanziellen Reserven“, so die Experten.

Die größten Herausforderungen für die Betriebe bleiben: hohe Steuern und Abgaben, steigende Arbeitskosten, steigende Preise bei Rohstoffen und Materialien, zunehmende Bürokratie sowie der anhaltende Fachkräftemangel. Storfer fordert von der Politik: „Was auf jeden Fall helfen würde, ist, wenn wir im Bereich Baugenehmigungen weniger Bürokratie und schnellere Verfahren zusammenbringen und Entlastungen bei Steuern und Abgaben würden allen Betrieben zugute kommen.“

Während die Bau-, Metall- und Elektrobranchen noch von bestehenden Auftragsbeständen profitieren, fehlt es zunehmend an neuen Impulsen. Konsumnahe Branchen stehen bereits deutlich stärker unter Druck. Die anhaltende Kaufzurückhaltung der privaten Haushalte macht sich hier bemerkbar, und diese Entwicklung könnte sich ausweiten.

Fazit

Kärntens Wirtschaft steckt in einer schweren Krise. Die Kombination aus sinkenden Umsätzen, steigenden Kosten und schwacher Nachfrage bringt immer mehr Betriebe in Bedrängnis. Das dritte Rekordpleitenjahr in Folge setzt sich 2026 mit noch größerer Dynamik fort – allein im ersten Quartal stieg die Zahl der Insolvenzen um 41 Prozent. Ein Lichtblick ist der Tourismus, der vom veränderten Buchungsverhalten profitieren könnte. Doch die positiven Signale reichen nicht aus, um die strukturellen Probleme zu lösen. Eine nachhaltige Erholung ist nicht in Sicht. Die Betriebe brauchen dringend Entlastungen – sei es durch weniger Bürokratie, niedrigere Steuern und Abgaben oder schnellere Genehmigungsverfahren. Ohne politische Impulse wird sich die Situation weiter verschärfen.